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Nachdem im Februar 1991 eine Baugesellschaft in der Landschreiberstrasse 19 anstelle des bestehenden Hauses eine 8-Familienwohnanlage mit Tiefgarage errichten wollte, haben Bewohner der Landstadtsiedlung beim Bezirksbeirat folgende Beschlussvorlage eingereicht:

Aus dem Kreis der Bewohner der Silberwaldsiedlung wird folgen­der Antrag an die Bezirksbeiräte herangetragen:

1. Es soll eine Erhaltungssatzung (Ensembleschutz) für die Silberwaldsiedlung in Sillenbuch (begrenzt durch Kernenblick-, Land­schreiber-, Zinsholz-, Wellingstrasse, In der Landstadt und Trossinger Strasse/gerader Nummernteil) erlassen werden.

2. Das Gebäude Landschreiberstrasse 19 ist darüberhinaus unter Denkmalschutz zu stellen.

Zur Begründung tragen wir vor;

A. Die Silberwaldsiedlung ist durch den Bau- und Heimstättenverein Stuttgart Ende der Dreißiger Jahre aus dem Gedanken der Einheit von Haus und Garten als Ausdruck der "Stuttgarter Schule" entstanden. Die Ideen der Planer wurden von den Stuttgarter Exponenten wie Bonatz, Wetzel, Keuerleber, Schmitthenner und Theodor Fischer geprägt, deren Vision eine zurückhaltende und unauffällige, der Landschaft angepasste, Wohnhausarchitektur verkörperte. Diese Siedlung stellt somit die Realisierung eines Kontrastmodells gegenüber dem Monumentalstil der damaligen Zeit dar.

Die durch die Steuerreform hervorgerufene Aufhebung der Heimstätteneigenschaft birgt die Gefahr in sich, dass durch Ent­fernung der Häuser der seit über 50 Jahren bestehende Charak­ter dieses Siedlungsbildes mit der exponierten Aussichtslage kurzfristig gestört und langfristig zerstört werden wird.

Durch die am 16. 2. 1991 per Verkaufsanzeige einer Baugesellschaft avisierte Umwidmung des Grundstücks Landschreiberstr.19 vom Einfamilienhaus zur 8-Familien-Wohnanlage mit Tiefgarage sind die ersten Menetekel einer spekulativen Verwertung von Grundstücken in der Siedlung aufgezogen. Als Folge daraus ist die völlige Verkehrung des Gedankens der Ansiedlung von Familien mit Kindern im Grünen in einer Garten- und Baumkultur eingeleitet, die langfristig zu einer Enteignung der Nachfolgegenerationen wegen ins Astronomische getriebenen Grundstücks­preisen führen wird. Damit wäre der Gedanke in den Reichsheim­stättenvorschriften, der die Schaffung von Wohneigentum mit Garten und die soziale Anbindung an die örtliche Landschaft mit den stabilisierenden politischen Funktionen vorsah, ins Gegenteil verkehrt. Bei Genehmigung von nur 10 Wohnanlagen ist die Infrastruktur (Wasser-Stromversorgung, Kanalentsor­gung, Straßen- und Parksituation) in der Siedlung völlig überfrachtet. Nachdem im Innenbereich der Städte die Erhal­tung der Bausubstanz vorrangig betrachtet wird, sollte dies in einem schützenswerten Bereich der Landstadt am Silberwald in Sillenbuch nicht anders bewertet werden. Nicht wenige Be­wohner der Siedlung wären auch bereit, dafür gewisse umhül­lende Einschränkungen zu tragen, indem der Heimstättenbin­dungscharakter auf die Stadt Stuttgart übertragen würde. Nachdem im Bebauungsplan für die Silberwaldsiedlung die An­zahl der Wohnungen durch den Bau der nur zugelassenen Ein-und Zweifamilienhäuser nicht notwendigerweise nochmals vor­geschrieben werden musste, muss dies im Interesse des übrigen Charakters auch bei Neubauten weiter beachtet werden.

Der Gedanke zur Erhaltung des Siedlungscharakters soll deshalb durch eine Erhaltungssatzung verankert werden.

B. Zum Antrag auf Denkmalschutz für Gebäude Landschreiberstraße 19 wird vorgetragen, dass dies ein Haus mit eindeutig nachweisbarem historischem Hintergrund darstellt, das von Albert und Anna Hang erbaut wurde und anschließend von David Stetter, dem früheren Arbeitsminister von Württemberg-Baden, bewohnt worden ist. In diesem Zusammenhang sei in Erinnerung gerufen, dass die Schriftstellerin Anna Haag zunächst der Verfassungs­gebenden Landesversammlung Württemberg-Baden sowie dem ersten Landtag dieses Landes und dem Gemeinderat der Stadt Stuttgart angehört hatte und ihr Mann, der Philosoph und Mathematiker Albert Haag, zu den Persönlichkeiten der Nachkriegszeit zählte, die für das Land als Kultusminister im Gespräch waren.

Frau Anna Haag ist durch ihr schriftstellerisches und soziales Wirken für die Probleme der Frauen sowie die Zusammenarbeit mit Elly Neuß-Knapp weit über die Grenzen unseres Landes be­kannt geworden und selbst in Amerika bei Frauen und Politikern be- und geachtet. Ein Zeugnis ihres Helfens verkörpert u.a. noch das für junge Frauen in Bad Cannstatt geschaffene Anna-Haag-Haus. Zusammenfassend läßt sich feststellen, daß in den Vierziger und Fünfziger Jahren viele politische Ent­scheidungen der Stuttgarter Nachkriegszeit in diesem Haus gedanklich vorbereitet, von dort in die politischen Gremien hinein- oder persönlich mit den Alliierten Hohen Kommissaren ausgetragen worden sind. Viele Bewohner der Silberwaldsiedlung waren Zeugen dieses Wirkens und tragen deshalb einen Wunsch nach einem Schutz dieses Gebäudes entsprechend mit. Damit verbunden wäre eine Anerkennung und der Hinweis auf eine Frau der "ersten Stunde", von der publizistisch gesagt wurde, sie sei eine Kämpferin für Frauen, für Frieden, für Überpartei­lichkeit, für Umwelt, für Demokratie und für Europa geworden; sie sei -zusammengefasst - eine prägende Gestalt der Nachkriegszeit in unserem Jahrhundert gewesen.

Letztes Update:
15-12-2019